Ich will aber…..
11. November 2010
Vor zwei Wochen ’heiratete’ eine junge Freundin von mir – ich setze das in Anfuehrungsstriche, weil es keine standesamtliche Trauung war, sondern sie und ihr junger Mann sich im Kontext von Evolutionary Enlightenment foermlich zueinander verpflichteten. Das klingt entsetzlich trocken auf Deutsch – war es aber ueberhaupt nicht.
Einer der Punkte, ueber die Andrew Cohen, der Gruender dieser Lehre und Philosophie, bei diesem Anlass sprach hat mich besonders beruehrt, auch, weil ich selbst mich damit in der letzten Zeit viel aueinander gesetzt habe: Der Materialismus in unseren sexuellen Beziehungen. Das Gefuehl, dass wir, sobald wir uns auf jemanden eingelassen haben, das Recht haben, alles moegliche, besonders und vor allem unser eigenes Glueck, von ihm oder ihr zu verlangen. Diese Idee ist mittlerweile so tief in unserer Kultur verwurzelt, dass es fast unsinnig erscheint, sie zu hinterfragen (in traditionellen oder auch modernen Kulturen oder Zeiten war sie noch nicht verbreitet, erst seit den 60er Jahren hat sie um sich gegriffen wie ein Wildfeuer.)
In den lezten Monaten wurde ich mir dessen immer bewusster. Nach 2 Jahren in der Beziehung war ich auf einmal so hungrig nach ganz bestimmten Gesten der Zuneigung, der Aufmerksamkeit und der Zaertlichkeit, dass ich mich fragen musste, warum ich eigentlich annehme, dass es R’s Pflicht ist, mir diese Beduerfnisse zu erfuellen. Wieder so etwas, was verrueckt klingen mag – wozu sind wir zusammen, wenn es nicht darum geht, uns gegenseitig zu befriedigen – nicht nur sexuell, sondern emotional, psychologisch, materiell vielleicht etc. Und wenn wir nicht im Kontext der evolutionaeren Erleuchtung leben wuerden, wuerde ich auch so denken. Aber dieser Kontext veraendert alles. In diesem Kontext spuerte ich, wie unfrei ich war in meinem Wollen, und wie untreu meinem Wissen, dass es mir auf der tiefsten Ebene des Seins an nichts fehlt. Und, was noch wichtiger ist – dieses Verlangen vernebelte den eigentlichen Sinn unserer Beziehung – da geht es ja nicht darum, dass ich, wie ein Baby, bekomme, was ich will, sondern darum, gemeinsam ein Zeugnis fuer die tiefe Positivitaet des Lebens zu setzen und ein noch unentwickelten Potenzial zwischen Mann und Frau zu verwirklichen. (Zu diesem Potenzial habe ich auch eine sehr spannende Radio Sendung gehoert.
Als ich mir das so klar durchdacht hatte, musste ich nur noch die Wellen der Unzufriedenheit und Wut aushalten, die mit grosser Wucht vor allem dann heranrauschten, wenn ich muede war. Nach etwa drei Wochen war es dann, als haette sich der Sturm gelegt, oder das Feuer des Wollens erst einmal ausgebrannt. Sicher nicht fuer immer, aber es hat mir Mut gemacht, dass es moeglich ist, statt meine Forderungen auf R abzuladen, stark genug zu sein, inmitten dieser wilden Emotionen die groessere Perspektive nicht zu verlieren.
Und ploetzlich sind wir uns viel naeher.